Emilie Inniger Über das PilotProjekt

Epheu, Richard Strauss, ein Film von Neonray Films, eine Produktion des Kollektiv Augenlieder

«Sind geboren, sich zu ranken liebend um ein ander Wesen»

Was in den Jahren 1886-1888 einem Anfall von Hingebung an das weibliche Geschlecht entsprungen ist, lässt uns 150 Jahre später die Haare zu Berge stehen:
Die vier Gedichte «Mädchenblumen» von Felix Dahn beschreiben je einen Typus Frau, poetisch verpackt in – wie könnte es anders sein – Blumenarten. Was wäre reizvoller, als das schöne Geschlecht metaphorisch als Naturphänomen schmachtend zu besingen?

Dass Frauenfiguren und -symbole in den meisten Sparten der Kunstgeschichte einen prominenten Platz einnehmen, ist uns nicht neu. So ernteten Namen wie Picasso oder Schiele nicht zuletzt wegen der künstlerischen Darstellung ihrer weiblichen Musen Ruhm und Anerkennung. Sie erschlossen dem männlichen Blick durch ihre Kunst ihre persönliche Perspektive auf eine idealisierte Weiblichkeit.

Männlichkeit sieht, Weiblichkeit wird gesehen. [1] 

In der klassischen Musikwelt sind aus heutiger Sicht sexistische Inhalte keine Seltenheit. Man braucht nicht lange im Opernrepertoire zu suchen, um auf undifferenzierte und stereotyp dargestellte Frauenfiguren zu treffen.

Für mich als klassische Sängerin, die ich durch meine Interpretation von solch höchst problematischen Texten diese männlich-dominierte Sichtweise erneut heraufbeschwöre, ist es kaum möglich, mich von dieser Problematik aktiv zu distanzieren. Die Frage, wie ich in einem solchen Werk meine eigene Richtung einschlagen kann, meine eigenen künstlerischen Absichten verfolgen kann, ohne das Werk zu zerschlagen, bleibt häufig aussen vor. Verändere ich das Werk und eigne es mir neu an oder bleibe ich dem Original treu?

Dem Kollektiv Augenlieder ist die Texttreue des klassischen Kunstliedes ein Anliegen. Wir entscheiden uns, Musik und Text unverändert wiederzugeben. Gleichzeitig mischen wir dem Werk das Medium Film bei und wollen damit elitäre Aufführungsformen, verstaubte Sprache und problematische Inhalte durch die Linsen der Kamera neu beleuchten.

Bei unserem Pilotprojekt «Mädchenblumen» liessen wir die vier Frauentypen zu einer einzigen Figur verschmelzen. Sie repräsentiert vier verschiedene Persönlichkeitsanteile, die als solche weder mit Weiblichkeit noch Männlichkeit konnotiert werden müssen. Die Figur wandelt sich durch den jeweiligen Blick des Betrachters.
Und doch liegt uns ein Text zugrunde, der weibliche Geschlechtsstereotype beschreibt. Die Kamera und der gesungene Text scheinen mir in einer voyeuristischen Haltung die Figur zu verfolgen, doch gibt sie (die Figur) Antwort darauf. Sie entwickelt sich in eine dem Text entgegengesetzte Richtung und blickt zurück zum Betrachter – zu uns.
Durch unsere filmische Umsetzung der «Mädchenblumen» entsteht eine Reibung zwischen Texttreue und der Ablösung davon, zwischen veraltetem Diskurs und moderner Filmsprache. Die vier symbolisch dargestellten Objekte der Begierde verschmelzen zu einer einzigen vielseitigen Figur, die selbst zum Subjekt wird.

 

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[1] Janine Schmutz, Kunstvermittlerin der Fondation Beyeler; https://www.artinside.ch/der-andere-blick-auf-den-weiblichen-koerper/

1 Kornblumen

Felix dahn

Kornblumen nenn ich die Gestalten,
die milden mit den blauen Augen,
die, anspruchslos in stillem Walten,
den Tau des Friedens, den sie saugen
aus ihren eigenen klaren Seelen,
mitteilen allem, dem sie nahen,
bewußtlos der Gefühlsjuwelen,
die sie von Himmelshand empfahn.
Dir wird so wohl in ihrer Nähe,
als gingst du durch ein Saatgefilde,
durch das der Hauch des Abends wehe,
voll frommen Friedens und voll Milde.
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Serafina Giannoni Sopran & Social Media

Edward Rusthon Klavier & englische Übersetzung

Yvonne Sieber Tanz & Choreografie

Sean Wirz, Regisseur

2 Mohnblumen

Felix dahn

Mohnblumen sind die runden,
rotblutigen gesunden,
die sommersproßgebraunten,
die immer froh gelaunten,
kreuzbraven, kreuzfidelen,
tanznimmermüden Seelen;
die unter’m Lachen weinen
und nur geboren scheinen,
die Kornblumen zu necken,
und dennoch oft verstecken
die weichsten, besten Herzen,
im Schlinggewächs von Scherzen;
die man, weiß Gott, mit Küssen
ersticken würde müssen,
wär‘ man nicht immer bange,
umarmest du die Range,
sie springt ein voller Brander
aufflammend auseinander.
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Emilie Inniger Sopran

Edward Rusthon Klavier & englische Übersetzung

Yvonne Sieber Tanz & Choreografie

Cassandra Schurtenberger Regisseurin

3 Epheu

Felix dahn

Aber Epheu nenn‘ ich jene Mädchen
mit den sanften Worten,
mit dem Haar, dem schlichten, hellen
um den leis‘ gewölbten Brau’n,
mit den braunen seelenvollen Rehenaugen,
die in Tränen steh’n so oft,
in ihren Tränen gerade sind unwiderstehlich;
ohne Kraft und Selbstgefühl,
schmucklos mit verborg’ner Blüte,
doch mit unerschöpflich tiefer
treuer inniger Empfindung
können sie mit eigner Triebkraft
nie sich heben aus den Wurzeln,
sind geboren, sich zu ranken
liebend um ein ander Leben:
an der ersten Lieb’umrankung
hängt ihr ganzes Lebensschicksal,
denn sie zählen zu den seltnen Blumen,
die nur einmal blühen.
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Serafina Giannoni Sopran & Social Media

Edward Rusthon Klavier & englische Übersetzung

Yvonne Sieber Tanz & Choreografie

Carlo El Basbasi & Basil Oberli Regie

4 Wasserrose

Felix dahn

Kennst du die Blume, die märchenhafte,
sagengefeierte Wasserrose?
Sie wiegt auf ätherischem, schlankem Schafte
das durchsicht’ge Haupt, das farbenlose,
sie blüht auf schilfigem Teich im Haine,
gehütet vom Schwan, der umkreiset sie einsam,
sie erschließt sich nur dem Mondenscheine,
mit dem ihr der silberne Schimmer gemeinsam:
so blüht sie, die zaub’rische Schwester der Sterne,
umschwärmt von der träumerisch dunklen Phaläne,
die am Rande des Teichs sich sehnet von ferne,
und sie nimmer erreicht, wie sehr sie sich sehne.
Wasserrose, so nenn‘ ich die schlanke,
nachtlock’ge Maid, alabastern von Wangen,
in dem Auge der ahnende tiefe Gedanke,
als sei sie ein Geist und auf Erden gefangen.
Wenn sie spricht, ist’s wie silbernes Wogenrauschen,
wenn sie schweigt, ist’s die ahnende Stille der Mondnacht;
sie scheint mit den Sternen Blicke zu tauschen,
deren Sprache die gleiche Natur sie gewohnt macht;
du kannst nie ermüden, in’s Aug‘ ihr zu schau’n,
das die seidne, lange Wimper umsäumt hat,
und du glaubst, wie bezaubernd von seligem Grau’n,
was je die Romantik von Elfen geträumt hat
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Emilie Inniger Sopran

Edward Rusthon Klavier & englische Übersetzung

Yvonne Sieber Tanz & Choreografie

Marlen Schmied Regisseurin

Der Komponist Richard Strauss

Der deutsche Komponist und Dirigent Richard Strauss (1864 – 1949) zählt zu den bedeutendsten Vertretern der spätromantischen Musik und hat als engagierter Kulturpolitiker zeitlebens für eine Reformation des Urheberrechts und wirtschaftliche Emanzipation von Komponisten gekämpft. Als Meister der orchestralen Tondichtungen (u.a. «Also sprach Zarathustra», «Eine Alpensinfonie») und der Oper (u.a. «Salome», «Rosenkavalier») hat er einen festen Platz im gängigen Repertoire und seine über 200 Lieder reihen sich in die wichtigsten Kompositionen der Gattung ein. Auffallend ist seine Vorliebe für die lyrische Sopranstimme – für die auch der Zyklus «Mädchenblumen» geschrieben ist – und seine lebenslange Beschäftigung mit der Verbindung von Wort und Musik.

Der Liedzyklus

Für das Pilotprojekt wurde der Liedzyklus «Mädchenblumen» (1888) von Richard Strauss ausgewählt. Der Zyklus besteht aus vier kurzen Liedern von wenigen Minuten Länge, welche sich je einer Blumenart und über diese metaphorische Ebene einem «Typus Frau» widmen: auf die romantischen, anspruchslos-friedfertigen «Kornblumen» folgen die koketten «Mohnblumen», die «nur geboren scheinen, die Kornblumen zu necken»; dann das seelenvolle, melancholische «Epheu», geschaffen, «sich zu ranken liebend um ein an der Leben», und zuletzt die geheimnisvolle «Wasserrose», deren Zauber sich wie der einer Elfe nur nachts entfaltet. Die wunderbar lyrische Tonsprache des damals erst 23-jährigen Komponisten zeichnet spielerisch und eingängig die verschiedenen Facetten der gleichnamigen Gedichte des deutschen Dichters und Historikers Felix Dahn nach.

Zwar bergen die stereotypisch anmassenden Texte des Zyklus eine aus feministischer Sicht eine potenziell etwas problematische Ausgangslage (vgl. Risiken & Massnahmen), doch die relativ einfach zu erfassende Motivik und der besondere Charme dieser aussergewöhnlich fantasievollen und sinnlichen Musik bieten eine optimale Vorlage für ein Pilotprojekt unserer Vision.

1 Cornflowers

translation by Edward Rushton

Cornflowers are what I call those
gentle figures with the blue eyes,
whose quiet task, fulfilled without desire for reward,
is to impart the dew of peace (which they suck
out of their own clear souls)
upon anything they get close to;
they are completely unconscious of the jewels of feeling
they have received from heaven’s hand.
You feel so content when they are near,
as if you were walking through sown fields
breathed upon by the evening breeze,
filled with devout peace and mildness.

2 Poppies

translation by Edward Rushton

Poppies are round,
red-blooded, healthy souls,
tanned with freckles,
always in joyful spirits,
good as gold, merry as a cricket,
never tired of dancing;
they cry while laughing,
and seem to exist only
to tease the cornflowers,
yet they often conceal
the gentlest, kindest hearts
within the tendrils of their tomfoolery.
God knows, you’d just have to
smother them with kisses,
if only you weren’t afraid
that if you even hugged the minx,
she’d explode in flames
like a packed fire-ship.

3 ivy

translation by Edward Rushton

But ivy is what I call those
softly-spoken girls
with simple fair hair
around their gently arched eyebrows,
with brown soulful eyes like deers’
that often seem on the brink of tears,
those very tears that make them so irresistible;
without strength or self-assurance,
unadorned, their bloom hidden,
yet with inexhaustible, deep,
faithful and heartfelt feeling,
they can never of their own doing
lift themselves out of their roots,
but are born to twine themselves
lovingly around some other life.
Their whole life’s destiny
hangs on this first entwining of love,
for they belong to those rare flowers
that only blossom once.

4 water-lily

translation by Edward Rushton

Do you know the fairy-tale flower,
the water-lily, famous from tales of yore?
Her translucent colourless head sways
on her ethereal, slender stem,
she blooms on a reedy pond in the woods,
guarded by a lone swan encircling her,
she only reveals herself to the moonlight,
who shares her silver shimmer.
Thus she blooms, the magical sister of the stars,
as the dreamy dark moth adoringly 
yearns for her from the far edge edge of the pond,
but never attains her, however much it longs to.
Water-lily is what I call the slim maiden
with locks black as night and cheeks of alabaster,
with deep foreboding thoughts in her eyes,
as if she were a ghost held captive on earth.
When she speaks, it’s like the silvery rippling of the waves,
when she’s silent, it’s like the still foreboding of a moonlit night;
she seems to exchange glances with the stars,
whose language she is familiar with, since they share the same nature;
you can never grow tired of looking into her eyes,
fringed with silky long lashes,
and you believe, as if enchanted by blissful dread,
everything the Romantics ever dreamt of about elves.